AMICA-Artikel vom Februar 2006

Mehr als süß

Ganz haben wir Reese Witherspoon nie begriffen. Sie verdient 15 Millionen Dollar pro Film und hat eine eigene Produktionsfirma. Sie ist seit sechs Jahren skandalfrei mit dem Schauspieler Ryan Phillippe verheiratet und Mutter zweier süßer Kinder. Und noch nicht mal 30. Toll. Aber auch irgendwie zu toll. Zu glatt. Bis jetzt. Jetzt darf sie in "Walk the Line" endlich Facetten zeigen, die man bei einem Sonnenschein wie ihr nicht vermutet hätte. Als June Carter - Countryikone und große Liebe von Johnny Cash - ist sie zickig, kämpferisch, begehrenswert. Und großartig. Man kennt sie aus ihren Filmen als schwieriges Mädchen ("Freeway"), forsche Streberin ("Election") und in ihrer Paraderolle als patente Blondine ("Sweet Home Alabama", "Natürlich blond!", "Solange du da bist"). Aber als Weib, das den Traum aller Romantikerinnen, einen "Bad Guy" wie den Countrystar Cash zu zähmen, lebt, kannte man sie noch nicht.

Vielleicht lässt man sich deshalb noch von ihrem mädchenhaften Äußeren täuschen. "Es macht mich wahnsinnig", sagt die 29-jährige, "wenn ich sehe, wie Frauen im Fernsehen mit ihrer Dummheit kokettieren und dafür zu kulturellen Ikonen erklärt werden." Es war eine harmlose Frage nach ihrer Haarfarbe, die ihren Ausbruch provozierte - ob sie sich als brünette June Carter besser als blond fühlte? Doch Reese Witherspoon hat keine Geduld für so etwas: "Eine Haarfarbe ist keine Geisteshaltung, wissen Sie. Auch wenn gewisse Blondinen alles tun, um uns in Verruf zu bringen." Wen sie damit meint, verrät sie nicht. Reese Witherspoon hält sich nicht mit netter, verklatschter Plauderei auf, besonders nicht heute, wo sie Glückwünsche zu ihrer Golden-Globe-Nominierung als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle als June Carter entgegennimmt.

"Walk the Line" erforscht die frühen Jahre der Countrylegende Johnny Cash (Joaquin Phoenix), aber das ist nur die Hintergrundmusik zu einer grandiosen Liebesgeschichte. Mit allem, was grandiose Liebesgeschichten auszeichnet: große Hindernisse (Drogen, Ehen mit anderen Partnern), ein dramatischer Heiratsantrag und ein Happy End. Zu wissen, dass diese Geschichte wahr ist, dass June und Johnny sich bis an ihr Lebensende liebten, und sie ihm innerhalb weniger Monate ins Grab folgte, lässt einen wieder daran glauben, dass es die großen Romanzen wirklich gibt. Joaquin Phoenix brütet und singt wie Johnny Cash, aber es ist Reese Witherspoon, die einem den Atem raubt.

"June Carter ist meinem Wesen viel näher als meine Natürlich-Blond-Rollen", sagt Witherspoon. Die Schauspielerin wuchs in Nashville, Tennessee auf, wo Country im Musikunterricht gelehrt und Dolly Parton wie eine Heilige verehrt wird, wo man jung heiratet und sich redlich vermehrt. Jedenfalls, wenn man aus einer so vornehmen Familie stammt wie sie - ihr Vater ist direkter Nachfahre von John Reese, einem der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. "Meine Mutter hält meinen Job immer noch für eine Art lukratives Hobby", sagt sie.

Es klingt sehr retro, wenn Regisseur James Mangold und sein Star erklären, warum Reese die perfekte June ist. Die Südstaatenherkunft. Der Familiensinn. Die geradezu feministische Unabhängigkeit. June Carter ließ sich zweimal scheiden, als das noch als liederlich galt. Reese Witherspoon heiratete, mit 23, als das längst als spießig verurteilt wurde. "Ich wusste immer, dass ich früh heiraten, früh Kinder haben und mich für meine Karriere nie im Bikini ablichten lassen würde."

Für jemanden, der kaum bis zum Lichtschalter reicht, flößt Reese Witherspoon eine Menge Respekt ein. Es gibt Leute, die damit nicht klarkommen. "Natürlich blond!"-Regisseur Robert Luketic klagte, sie habe etwas "Undurchdringliches" und wollte nicht mehr mit ihr arbeiten, weil "Filmemachen ein todernstes Business" für sie sei. "Ich finde, Unterhaltung ist ein ernst zu nehmendes Geschäft", kontert Witherspoon: "Wenn man mir Millionen bezahlt, möchte ich arbeiten, statt Margeritas in meinem Trailer auszuschenken." Es gibt keine witzigen Anekdoten vom "Walk the Line"-Set, schon weil Witherspoon nicht gut darin ist, witzige Anekdoten zu erzählen - auf die Frage nach ihrer Kindheit in Wiesbaden, wo ihr Vater als Air-Force-Offizier stationiert war, fällt ihr ein: "Meine Mutter und ich waren vom deutschen Bildungssystem sehr beeindruckt." Joaquin Phoenix ist immer noch nicht darüber hinweg, dass sie fünf Monate vor Drehbeginn ihrer beider Leben in die Hand nahm und Gitarrelehrer, Gesangslehrer, Stundenpläne und Proberäume organisierte. "Sie hat uns gerettet", sagt er.

Für sie ist Schauspiel keine Kunst, sondern harte, ehrliche Arbeit. Nie sieht man sie in Clubs, dafür an Orten, von denen Stars ihres Kalibers immer nur behaupten, sie hielten sich dort auf. In der Kassenschlange bei "Abercrombie & Fitch" in der Grove Mall, wo sonst nur Studenten günstig T-Shirts kaufen. Oder an der Tanke Ecke Robertson Boulevard und 3rd Street, unweit ihres Anwesens, von dem man nur weiß, dass "die Wasserrohre ständig kaputt sind", aber bestimmt nicht, wie es drinnen aussieht, weil sie den Teufel tun und Fotografen für eine Homestory einladen würde.

Man versteht, dass sie sich für "normal" hält, aber natürlich ist sie das nicht. Mit 29, Multimillionen und fabelhafter Familie. "Ich habe das Gefühl, dass ich endlich in die Person hineinwachse, die ich bin. Und es ist schön, dass mein Publikum mich als diese Person akzeptiert. Diese Person war nie supercool. Ich bin bloß eine Mutter, Ehefrau und Schauspielerinm und zwar in dieser Reihenfolge. Das gefällt mir." Dem Rest der Welt auch. Und wie.