Cinema Interview vom Januar 2003

Schlaflos in Hollywood

Bisher waren sie die Monopolistinnen des lukrativen Romantic-Comedy-Gewerbes. In letzter Zeit aber dürften die Damen Roberts, Bullock und Ryan irritierte Blicke über die Schultern geworfen haben.
Was sie sahen, waren 156 Zentimeter Willenskraft aus Nashville, Tennessee. Dabei deutete äußerlich nur wenig hin auf Laura Jeanne Reese Witherspoons jüngste Manifestation als Ein-Frau-Company. Gegen die Starlet-Statuten verstoßen eigentlich die hohe Stirn,
das weit vorgeschobene Kinn und ihre sanften Wangenknochen. Nun gut, ihre Augen besitzen zweifellos die hypnotische Kraft einer Leading Lady, weil nicht nur nach Laserkorrektur bar jeder Kurzsichtigkeit, sondern fast blauer, als es die Natur erlaubt.
Doch weder im Kino noch im Interview zückt Witherspoon die Niedlichkeitskarte oder gar die schärferen Waffen einer Frau.
Ihr Appeal ist kühler, konsequenter, klüger.

Fehlt dir die erzählerische Originalität deiner Indie-Filme wie 'Pleasantville', wenn du nun breitenwirksame Komödien wie 'Natürlich Blond' oder 'Sweet Home Alabama' drehst?

"Dieser Wechsel wird nicht ewig währen, und andere seriöse Schauspielerinnen hätten ihn sicher ganz sein lassen. Aber wir leben in einer Zeit, in der es essenziell ist, ein großes Publikum zu erreichen - da gilt es, die Veränderungen des Marktes ständig in Erwägung zu ziehen."

Klingt, als ob du deine Karriere präzise planst.

"Was sonst?
Ich orientiere mich an den Karrieren von Holly Hunter, Frances McDormand oder Susan Sarandon. Die sind auf Langlebigkeit angelegt. Darum hielt ich mich von der Teen-Welle fern und lehnte Angebote wie 'Scream' ab. Schließlich will ich länger als zwei Jahre im Geschäft sein. Doch dazu muss ich meine Rollen initiieren, statt ihrer zu harren."


Eine Zahnärztin könnte sich kaum analytischer über Wurzelspitzenbohrungen äußern, und für einen Moment ist man desillusioniert von Witherspoons Kalkül.
Dabei überrascht ihre pragmatische Natur nicht wirklich. Wer mit sieben Theaterunterricht erhält, mit vierzehn sein Filmbebüt gibt und mit zwanzig die Stanford Universität zu Gunsten einer kleinen Rolle neben Paul Newman in 'Im Zwielicht' verlässt (wenn auch mit rückblickendem Bedauern), der überlässt im wankelmütigsten aller Berufe nichts dem Zufall.
"I don't fuck up around - Ich bin pünktlich und kenne meine Dialoge", hat sie mal gesagt.
Da Reese Witherspoon mit Ehemann Ryan Phillippe (ihr Filmpartner aus 'Eiskalte Engel') und der dreijährigen Tochter Ava ein sehr gesundes Privatleben zu genießen scheint, möchte man sie kaum zu den Besessenen der Zunft zählen. Aber wie zielstrebig Witherspoon ihre Stärken gesucht und gefunden hat, zeigte ihr vorläufiger Karrierehöhepunkt im Herbst 2002, als 'Sweet Home Alabama' über 100 Millionen Dollar US-Kasse machte und sie im Anschluss einen Gagenvertrag über 15 Millionen für 'Natürlich Blond 2' unterschrieb.

Bist du dir über deine Fähigkeiten als Schauspielerin im Klaren oder lernst du dich von Rolle zu Rolle kennen?

"Ich habe vor Jahren ein B-Movie mit dem Titel 'Freeway' gedreht und mit der Figur alle zum Lachen gebracht.
Unfreiwillig, wohlgemerkt. Aber das brauchte damals keiner zu wissen. Komik ist mein Kapital. Ich bin nichts, wenn ich nicht lustig bin und Figuren, die kein humoristisches Potenzial haben, rühre ich bis auf weiteres nicht an, obwohl ich vom dramatischen Fach komme. Aber wer weiß, wie schnell sich Chancen verflüchtigen.
Bei den Studios kann ich in einem Jahr schon wieder Persona non grata sein."


Bevor es aber so weit kommt, sollten wir die Witherspoon-Novizen unter den CINEMA-Lesern dringlich davon in Kenntnis setzen, dass es sich bei der Frau um eine makellose Komödien-
schauspielerin handelt, deren Timing, Mimik, Körpersprache und Emotionalität all die Kretins beschämen sollte, die einen hier zu Lande mit Kalauern quälen.
Und da die Unterhaltungswelt offensichtlich nicht gerecht ist, gelangte Witherspoons wichtigster Film 'Election' erst gar nicht in deutsche Kinos. Wer sie begreifen will, muss gesehen haben, wie sie als ultraehrgeizige Schülerin nicht vor Erpressung, Gewalt und Selbstentwürdigung zurückschreckt, bloß um zur Schülersprecherin gewählt zu werden.
Während Witherspoons Figur hier aus der Unterschicht kam und auf dem Rücken integrer Menschen den amerikanischen Traum verwirklichte (Endziel: Republikanische Partei), spielte sie danach meist die sehr verwöhnte und sehr blonde Little Miss Perfect.

Köstliche Karikaturen, siehe auch 'American Psycho', doch in 'Natürlich Blond' und 'Sweet Home Alabama' gewinnt sie das Publikum, indem sie hinter der Barbie-Fassade sehr wohl Verstand und Herz vereint und ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt.
Sie bringt den Klassenkampf sozusagen zurück auf ein zwischenmenschliches Niveau und braucht keine Lover, die ihr den Weg weisen.
Wo Meg Ryan oder andere Romantikerinnen hin wollen, kommen Witherspoons Realisinnen längst her: Sie nehmen Männer zur Selbstverwirklichung billigend in Kauf, aber notwendig sind sie keineswegs.
Die Emanzipierung vom Märchenprinzen mag der Kern ihres Erfolgs sein, denn so gut ist die Geschichte einer großstädtischen Rückkehrerin ins ländliche 'Sweet Home Alabama' nun wirklich nicht, dass der Riesenhit zwangsläufig war.
Näher an Witherspoons Persönlichkeit als 'Sweet Home Alabama' kam zuvor kein Film. Auch ihr gelingt das Doppelleben zwischen Südstaaten-Sweetheart und Weltbürgerin.
Im Interview wirkt sie mit gekräuselter Stirn, geradem Rücken und gestärkter Bluse sehr kontrolliert. Ganz so, wie man es von der Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens Witherspoon erwarten darf, in dessen angegliederter Produktionsfirma Type A die Filme offenbar exakt auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten werden.

Ob ihr all die Arbeit als Schauspielerin, Produzentin, Medienmittelpunkt, Mutter, Ehefrau und wer weiß was noch nicht über den Kopf wachsen könnte, fragten wir zum Abschied - und bereuen dieses Ansinnen sofort.
Denn mit strengen und gar nicht amüsiertem Blick stellt Reese Witherspoon klar: "Ich mag sehr klein sein - aber ich bin zäh!"