Cosmopolitan Interview vom November 2001

Reese hat den Erfolg im Blick

Sie hat Literatur studiert und ist ein Kino-Weltstar. Superblondine Reese Witherspoon, 25, über ihren Weg nach oben und die Nachteile einer bevorzugten Haarfarbe.

Reese Witherspoon kann man mangelndes Selbstvertrauen wirklich nicht vorwerfen. Sollte man auch nicht.
Immerhin spielte die Blondine aus Nashville, Tennessee, schon als
15-jährige mit Sam Waterston in "The Man in the Moon" und später an der Seite von Hollywood-Größen wie Danny DeVito und Gary Sinsie (Jack the Bear). Schöne Erfolge.

Aber nichts, worauf man sein Leben aufbauen kann - fand jedenfalls Vater John, ein angesehener Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurg.
Und so ging Reese weiter brav zur Schule und schrieb sich an der Elite-Uni Stanford in Kalifornien für Englische Literatur ein.

Aber Karriere machte Reese in Hollywood. Dabei half ihr auch ihr Sprachtalent: Für den Disney-Film "Die Spur des Windes" (1993) lernte sie extra die Buschmannsprache der Kalahari.

Mit "Eiskalte Engel" (1999) wurde sie richtig bekannt.
Doch als Elle Woods in "Natürlich Blond!" feierte sie ihren bisher größten Erfolg - 90 Millionen Dollar spielte der Film in den USA ein.

Entspannt sitzt Reese Witherspoon in einem grün-weißen Kleid, pinkfarbener Strickweste und goldene Pumps auf der Couch im Four Seasons Hotel in Beverly Hills und gibt Überlebenstipps - nicht nur für blonde junge Frauen.

Was ist ihr liebster Blondinenwitz?
Was ist eine Blondine mit einem halben Gehirn? Talentiert!

Sie sind blond und intelligent. Mussten Sie trotzdem mit Vorurteilen kämpfen?
Natürlich. Ich kam mit 19 an die Stanford-Universität und hatte schon einige Filme gedreht.
Viele meiner Kommilitonen machten sich über mich lustig, meist hinter meinem Rücken, weil ich nun mal Schauspielerin war, außerdem blond.
Die meisten dachten, ich hätte die Aufnahmeprüfung nur geschafft, weil ich jemanden anderen gespielt hätte. Dabei habe ich das schwierige Testverfahren absolviert wie alle übrigen auch.

Wie sind sie damit zurechtgekommen?
Ich habe mich ein bisschen so verhalten wie Elle Woods:
Ich reagierte auf meine neidischen Mitmenschen, als ob ich kurzsichtig wäre - mit einem Hauch gutwilliger Ignoranz als Selbstschutz.

Elle ist ja auch völlig ahnungslos, was für schlimme Dinge die Leute von ihr denken. Bis zu dem großen Moment, wo sie realisiert, dass sie nicht gut genug für ihren Freund ist, ganz egal was sie macht.

Haben sie einen guten Tipp für Junge Frauen in ähnlicher Lage?
Ich rate allen Leidgenossinnen, ob blond oder nicht, sich nur auf die guten Dinge und nicht auf die schlechten Begleiterscheinungen zu konzentrieren.

Zu den schlechten Begleitehrscheinungen gehören auch falsche Freunde. Wie schützen sie sich?
Es gibt da einen Punkt in der Karriere, da fühlt man, dass sich die Pforten der Freundschaft schließen.
Wer mit einem ist, wird auch immer da sein. Wer draußen bleibt, wird es schwer haben, hinzukommen.

Ich versuche so offen wie möglich zu bleiben und verlasse mich auf meinen wirklichen Freund.
In meinem Geschäft muss man scharfen Verstand besitzen und einschätzen können, was die Leute tatsächlich von einem wollen.

Wie erklären sie sich den Erfolg von "Natürlich blond!"?
Alle meine bisherigen Filme waren für ein spezielles Publikum.
Mit "Natürlich Blond!" Fühlte ich eine Verantwortung meinen jungen weiblichen Fans gegenüber.

Junge Frauen sind sehr leicht beeinflussbar. Durch diesen Film versuche ich ihnen zu sagen, dass sie an sich glauben sollen.
Man darf sich nicht durch Unterordnung in einer Beziehung oder wegen Vorurteilen anderer von der Realisierung des eigenen Lebenstraumes abbringen lassen.

Welche Recherchen waren für die Rolle einer kalifornischen Blondine nötig?
Ich hab mich auf diese schwere Rolle gründlich vorbereitet und einige Zeit in der superexklusiven Boutique "Neiman Marcus" in Beverly Hills verbracht.
Alle finden das lustig. Aber ich finde diese Kultur kalifornischer Frauen, die sich zum Lunch in diesen Kaufhäusern treffen, sehr interessant.
Sie bilden eine soziale Struktur, helfen sich gegenseitig - ganz im Kontrast zu dem materialistischen Klischee, das ihnen anhaftet.

Frauen, die sich gegenseitig helfen, sieht man nicht oft in Filmen.
Ja, die Medien konzentrieren sich eher auf die Konkurrenz unter Frauen, die auch besteht, aber nur ein Teil von uns ist. Im Film wollte ich die Kameradschaft zeigen.

Sie sind verheiratet mit Schauspieler Rayn Phillippe, haben eine zwei Jahre alte Tochter und einen Beruf. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Ava Elizabeth hat mir eine zweite Kindheit beschert. Ich besuche ihre Musikkurse und singe mit den Kindern im Chor, so laut ich kann. Anscheinend bringt meine Tochter dieses kindhafte Gefühl in mir zurück...

...und das hilft Ihnen auch bei der Schauspielerei?
In meinem neusten Film "The Importance of Being Earnest" spiele ich ein Mädchen auf dem Sprung zur Frau.
Das Muttersein war dafür als Erfahrung sehr wichtig.
Als Teenie dachte ich, alles zu wissen - dabei weiß man eigentlich gar nichts. Das zeigt mir meine Tochter jeden Tag neu.