Glamour Interview der Ausgabe 17/03
Sie müssen mich nicht mögen
Versucht man zu verstehen, warum jetzt alle Welt von Reese Witherspoon redet, muss man zunächst zwei Zahlen kennen:
123 und 159.
So viele Millionen Dollar haben ihre letzten beiden Filme
"Natürlich Blond" und "Sweet Home Alabama" weltweit eingespielt.
Nach der Hollywood-Logik bedeutet das, dass die Arzttochter aus dem Süden der Vereinigten Staaten "The Next Big Thing" ist.
Das könnte man auch so übersetzen: Man hält sie für einen Erfolgsgaranten, der kleine Filme groß und große Filme riesig machen kann.
Das wiederum bedeutet, dass es für Reese Witherspoon nun Angebote hagelt und ein furchtbarer Wirbel um sie tobt. Ganz besonders zum Start von "Natürlich Blond 2" (24.07).
Glamour-Autor Richard Pleuger traf die 27-jährige - schwarze Bluse unter braunem Samtjackett, Jeans mit Schlag und Riemchensandalen - im "Bel Air Hotel" in Los Angeles, wo sie mit wippenden Knien und in sich verknoteten Fingern auf dem Sofa sitzt.
Sie sind doch nicht etwa wegen unseres Interviews nervös?
Doch! Ist das nicht lächerlich? Aber mir ist es einfach unbehaglich, mich mit einem Fremden hinzusetzen und über private Dinge zu sprechen.
Ist eine Frage nach Ihren ersten vier Lebensjahren, die Sie in Deutschland verbrachten, zu privat?
Aber nein.
Woran erinnern Sie sich noch?
In Wiesbaden ging ich in den Montesori-Kindergarten, das war super. Und ich kann mich an wunderschöne Spaziergänge auf den Schultern meines Vaters erinnern - am "Volkswandertag"?
Volkswandertag, oh ja, das gab es früher. Da bekam man auch Medaillen.
Echt? Ich habe keine gekriegt. Und mein ganzes Deutsch habe ich leider auch wieder vergessen. In Tennessee war einfach niemand, mit dem ich deutsch sprechen konnte.
Ihre Eltern sind beide Mediziner. Wollten Sie da nicht auch Medizin studieren?
Ich wollten sogar unbedingt Ärztin werden! Aber dann wurde mein Hobby, die Schauspielerei, zu meinem Beruf. Dafür brauchte man auch kein siebenjähriges Studium. Und ich kann mich über mangelnde Angebote nicht beklagen.
Das kann man wohl sagen. Für "Natürlich blond 2" bekomen Sie 15 Millionen Dollar Gage, viele nennen Sie deshalb die nächste Julia Roberts. Sind Sie bereit, America's Sweetheart zu werden?
Wissen Sie, einerseits ist es natürlich sehr schmeichelhaft, wenn man mich so sieht. Andererseits ist es für mich sehr schwer zu glauben, dass ich die beliebteste Frau Amerikas sein soll. Mein Leben ist keine romantische Komödie. Und das Mädchen, das alle mögen, wollte ich nie sein. Man muss mich nicht mögen.
"Natürlich blond 2" hat den Untertitel "Rot, Weiß und Blond" in Anspielung auf die amerikanischen Nationalfarben. Wieso dieser patriotische Unterton?
Das ist weniger patriotisch gemeint, eher als Ausdruck einer demokratischen Gesellschaft, in der man das Recht hat, seine Meinung frei auszudrücken und sich aktiv zu engagieren. Meine Filmfigur, die Elle, mischt sich ein. Sie hat Vertrauen in sich selbst und glaubt an ihre Ideale, in diesem Fall an die Rechte von Tieren.
Damit tut sie keinem weh...
Na ja, es ist eine Mainstream-Komödie... Immerhin wird sie wegen ihres Engagements gefeuert und geht dann nach Washington. Da wird sie natürlich wieder unterschätzt, weil sie eben eine Blondine ist. Für mich zeigt Elle, dass man alles erreichen kann, was man nur will. Es geht darum, dass man sein Mitspracherecht wahrnimmt, es ausschöpft. Anstatt wie andere ihre Energie dafür verschwenden, in den Club hineinzukommen, setzt Elle alles daran, die Eintrittsregeln des Clubs zu ändern.
Ist Ihnen diese Botschaft wichtig?
Ich glaube, dass die meisten Menschen in den USA und im Rest der Welt der Ansicht sind, dass sie als Einzelne nicht viel ausrichten können. Elle lebt das Gegenteil vor. Es ist doch so: Demokratie soll ursprünglich die Stimme des Volkes repräsentieren, und leider ist das heute nicht immer so. Zu dieser Grundidee sollten wir aber zurückkehren. Lasst uns unsere Stimme benutzen, um eingefahrene Regeln zu revolutionieren! Es geht nicht um das System, es geht um den ursprünglichen demokratischen Gedanken.
Politik liegt in Ihren Genen. Einer Ihrer Vorfahren, John Witherspoon, hat die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mit unterzeichnet. Welcher Politiker inspiriert Sie persönlich?
Nelson Mandela. Der hätte nach 25 Jahren Gefängnis zu bestimmten Bedingungen entlassen werden können. Er entschied sich dagegen, er wollte sinen bedingungslose Freiheit - und blieb deshalb weitere zehn Jahre eingesperrt. Seine Standhaftigkeit hat dann letzten Endes sein ganzes Land befreit.
Das hört sich an, als glauben Sie an das Gute im Menschen...
Noch immer! Ich denke, die meisten Frauen sind Idealisten und vertrauen den Menschen sehr schnell. Für mich ist Vertrauen in seine Mitmenschen zu haben - neben der Fähigkeit, geben und lieben zu können - eine der schönsten Eigenschaften. Auch wenn man dabei manchmal seine böse Überraschung erlebt.
Sprechen Sie aus Erfahrung?
Ich bin jetzt seit 14 Jahren in diesem Business tätig - was meinen Sie, was ich da an menschlichen Enttäuschungen erlebt habe! Man vertraut Dr. Jekyll und bekommt es plötzlich mit Mr. Hyde zu tun. Wichtig für den eigenen Charakter ist dann, wie man damit umgeht. Umgekehrt darf man aber nie den Fehler machen, zu glauben, man müsse die Vorstellungen, die andere von einem haben, erfüllen. Bitte verwechseln Sie mich also nicht mit Elle Woods. Ich führe nicht jeden Tag im rosa Designerkostüm meinen Chihuahua spazieren (lacht).
Kinder sind ja oft ein Regulativ. Wie hat Ihre Tochter Ava denn Ihr Leben verändert?
Sie war meine Blitztherapie. Erst durch Ava, sie wird bald vier, habe ich gemerkt, wie schlecht ich mich anderen Menschen gegenüber benehme. Sie führte mir all meine negativen Seiten vor Augen, meine Unsicherheit. Ava macht mich zu einem viel bewusster lebenden, westentlich lockeren Menschen.
Waren Sie denn vorher ein Kontrollfreak?
Total. Beruflich bin ich natürlich immer noch extrem streng mit mir. Doch zu Hause putze ich heute nicht mehr wie wahnsinnig herum, sondern lasse die Kekskrümel auch mal einfach auf dem Boden liegen.
Jetzt bekommen Sie ein zweites Kind. Wann ist Geburtstermin?
Im Winter.
Ist Ihre Traumfamilie dann komplett oder wollen Sie noch mehr Kinder?
Natürlich will ich mehr Kinder. Die Familie hält mich am Boden. Wissen Sie, ein perfekter Abend sieht bei mir so aus: Ryan und ich gehen mit Ava und den Hunden lange spazieren, bringen dann Ava ins Bett und bekommen Besuch von Freunden - keine Filmleute! Unsere kleine Welt schützt mich vor dem ganzen Wahnsinn, der mit meinem Job so einhergeht.
Die Ehe, zwei Kinder, eine Karriere, die gerade voll abhebt - wie schafft man's, dass nichts zu kurz kommt?
Ach, das ist eine Frage der Zeiteinteilung. Ich konzentriere mich auf jeden einzelnen Bereich. Wenn ich etwas mache, dann richtig. Zu Hause hat mein Beruf keinen Platz. Ich gehe einfach nicht ans Telefon, Punkt. Meine Eltern haben das schließlich auch geschafft: Die waren beide berufstätig und haben mich und meinen älteren Bruder John großgezogen.
Ihr Mann Ryan Phillippe hat in einem Radiointerview kürzlich gesagt, dass Ihr Liebesleben unter der Kindererziehung leidet und dass Sie beide eine Paar-Therapie machen.
Das ist doch normal bei jungen Paaren. Ryan und ich sind zusammen erwachsen geworden: Wir haben uns kennengelernt, als ich 21 war, zwei Jahre später kam das Baby. Heute bin ich ein anderer Mensch als noch vor sechs Jahren. Und Ryan hat sich ebenfalls verändert. Und was ist falsch daran, wenn man den Rat eines Psychologen in Anspruch nimmt?
Sie sind in der Country-Metropole Nashville groß geworden. Was für Musik hören Sie denn so?
Sie werden lachen: Country Music! Vor allem Johnny Cash und June Carter Cash - die ich übrigens in meinem nächsten Film spielen werde. Joaquin Phoenix übernimmt die Rolle von Johnny Cash.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Realistisch. Alles in diesem Geschäft ist flüchtig. Diese Woche bist du oben, in einem Jahr schon kannst du weg vom Fenster sein.
Was bleibt?
(lacht) Meine innere Flamme.