InStyle Star-Interview Dezember 2005

Ein Mädchen das jeder liebt

Ein Hollywood-Star, der sich wegen zehn Minuten Verspätung entschuldigt? Gibt's! "Sorry, ich bin zu spät", sagt Reese Witherspoon atemlos und nimmt einen großen Schluck aus ihrer Fiji-Wasserflasche (in den USA beliebte Marke), die sie dabeihat. Im schlichten, schwarzen Kleid und Flip-Flops wirkt die 29-Jährige so nett und natürlich wie ein Mädchen von nebenan. Starallüren? Keine Spur. Der Erfolg hat Reese scheinbar nicht verändert. Kein Wunder, dass die Fans das sympathische und humorvolle Mädchen aus dem verschlafenen Nashville, Tennessee, lieben. Auch die neue Romantik-Komödie "Solange du da bist" (ab 1.Dezember im Kino) wird sicher wieder ein Kassenschlager. Wie schon ihre Erfolgsfilme "Natürlich blond!" und "Sweet Home Alabama", mit denen sie zum neuen American Sweetheart wurde. Auch wenn Reese das nicht gern hört. Denn sie möchte mehr sein als nur das süße Blondchen.

Sie haben die ersten vier Jahre ihres Lebens in Wiesbaden verbracht. Können wir das Interview also auch auf Deutsch führen?
(Reese antwortet in gebrochenem Deutsch) Eine bisschen vielleicht ... (sie wechselt aber schnell wieder zu Englisch) Ich habe leider inzwischen fast alles vergessen, aber ich konnte ohnehin nur ein paar Worte Deutsch. Mein Vater war damals als Militärarzt in Wiesbaden stationiert. Doch wir haben zu Hause und auch im Kindergarten immer nur Englisch gesprochen.

Ihr Vater ist Arzt, Ihre Mutter Krankenschwester. Wie kam es, dass Sie ausgerechnet im Showbusiness landeten?
Als wir wieder nach Nashville in Tennessee gezogen sind, habe ich zum Spaß an Fotowettbewerben teilgenommen. Danach wurde ich für Katalogwerbung engagiert, später für Fernsehspots. Und schon in der Schule habe ich Theater gespielt. Mit elf gewann ich einen Talentwettbewerb. Danach bekam ich erste Filmangebote. Mit 14 hatte ich die erste Hauptrolle in "The Man in the Moon". Das war alles, während ich noch zur Schule ging.

Eine Mädchenschule. Wurden Sie denn prüde erzogen?
Nein. Ich habe mich schon früh sehr intensiv für Jungs interessiert. Aber der große Vorteil einer Mädchenschule war, dass man sich nicht täglich für die Jungs stylen musste. Da hat man einfach die Haare hochgesteckt, statt ewig an der Frisur zu basteln.

Waren Sie durch Ihre Modeljobs schon als Teenager modebewusst?
Nicht wirklich. Nashville ist sehr ländlich. Schicke Boutiquen mit Designerkleidung gibt es dort nicht, ich habe mir alle meine Kleider - auch für den Abschlussball - aus dem Katalog bestellt. Mein Modebewusstsein hat sich erst mit dem Umzug nach Hollywood entwickelt. Da bekam ich plötzlich Werbeangebote von Firmen wie GAP, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte.

Ihr Ehemann Ryan Phillippe stammt aus Delaware, das wie Nashville auch in der Provinz liegt. Nun leben Sie mit Ihren zwei Kindern in L.A. Ist es für Kinder spannender, in einer Metropole mit vielen Möglichkeiten aufzuwachsen?
Eigentlich hatten wir mal mit dem Gedanken gespielt, nach Arizona oder in einen anderen Staat zu ziehen, damit die Kinder erst gar nicht mit dem Umfeld von Hollywood in Berührung kommen. Aber das würde bedeuten, dass wir zu oft von den beiden getrennt wären, wenn wir in Los Angeles drehen. Ryan und ich sind uns absolut einig, darauf zu achten, dass sich unsere Kinder nicht zu verwöhnten Promi-Kids entwickeln, wie es sie in Hollywood an jeder Ecke gibt. Wir wollen die Werte, mit denen wir groß geworden sind, an sie weitergeben. Wir erziehen sie bodenständig. Ein Übermaß an Spielzeug oder Geschenken gibt es bei uns nicht. Ava und Deacon sollen lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich nicht auf unserem Erfolg ausruhen. Ryan und ich mussten schließlich unser Taschengeld auch selbst verdienen.

Realisieren Ihre Kinder schon, wie berühmt ihre Mama ist?
Ava ist sechs und geht seit September zur Schule. Sie hat mich oft bei Drehs besucht und versteht deshalb, warum sich Mami verkleidet oder mit komischem Akzent spricht. Ich fürchte, sie hat auch Interesse an der Schauspielerei. Für "Natürlich blond 2" musste ich in fast 50 Outfits schlüpfen. Ava vollte alle anprobieren und hat dabei wirklich Talent für das Posieren vor der Kamera bewiesen.

Ihr Mann soll mit Ihrem Erfolg nicht so gut klarkommen. Es gibt Gerüchte über eine Ehekrise, weil er eifersüchtig sei.
Ich habe Ryan geheiratet als ich 23 Jahre alt war. Natürlich hat sich unser Leben seitdem verändert. Wir haben zwei Kinder, meine Rollen wurden größer, wir standen immer mehr im Rampenlicht. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Aber wir können damit umgehen. Ich habe großes Glück, einen Mann wie Ryan zu haben. Er ist mein bester Freund. Ich stimme mich genau mit ihm ab, was unsere Drehpläne angeht. Dreht er, bleibe ich bei den Kindern. Drehe ich, ist er Vollzeit-Daddy. Und wenn die Familie mich braucht, lehne ich jede Toprolle sofort und ohne nachzudenken ab.

Sie sind extrem erfolgreich mit romantischen Komödien. Fühlen Sie sich denn wohl in der Rolle des neuen American Sweethearts?
Mal bin ich die sexieste Blondine, dann eine der einflussreichsten Schauspielerinnen oder das American Sweetheart. Als "Natürlich blond!" boomte, war ich die Königin der romantischen Komödie. Aber ich will nicht darauf festgelegt sein. Darum habe ich eine eigene Produktionsfirma gegründet. Mein nächster Film ist ein Thriller: "Whiteout". Und demnächst bin ich als Countrysängerin June Carter im Kino, in einem Film über Johnny Cash.

... in dem Sie sogar selbst singen?
Ja. Das war meine bislang schwerste Rolle. Ich habe sechs Monate daran gearbeitet. Nach dem Dreh war ich restlos erschöpft. Es war erholsam, danach wieder eine Komödie wie "Solange du da bist" zu drehen. Damit habe ich auch meinen Eltern einen Gefallen erwiesen.

Wieso denn ausgerechnet Ihren Eltern?
Ich spiele eine Ärztin im weißen Kittel. Ich habe meinen Eltern Polaroids geschickt mit der Aufschrift: "Na, seid Ihr jetzt zufrieden?" Sie wollten, dass ich nach dem Studium in Stanford Ärztin werde. Diesen Traum habe ich ihnen nun erfüllt. Zumindest im Kino.