InStyle Interview vom August 2003

Natürlich & blond

Wollte man sie mit einer Blume vergleichen, es fiele einem das Gänseblümchen ein, als Tier ein flauschiges Küken und als Dessert ein zuckergußfarbenes Sahnebaiser.
Was das soll?
Reese Witherspoon ist einfach unfassbar süß. Lächelnd sitzt sie da in ihrem rosa Rock und rosa Stricktop in einem rosa geblümten Sessel, den sie nur zur Hälfte ausfüllt, weil sie ja nur 1,50 Meter groß ist.
Ihre Augen sind blau wie strahlender Sommerhimmel, die Haare blond wie ein Weizenfeld und ihr Gesicht hat die Form, wie Kinder ein Herz malen würden.
Amerikas neues Sweetheart eben. Doch nur mit "süß sein" wäre Reese sicher nicht Hollywoods jüngster Neuzugang in der Gagenklasse von 15 Millionen Dollar pro Film geworden.
Das hat sie wohl eher ihrer scheinbar unerschöpflichen Energie zu verdanken:
Fast unglaublich, aber mit gerade 27 Jahren hat sie bereits in 25 Filmen gespielt, sie ist Produzentin mit eigener Firma, verheiratet mit dem Traummann Ryan Phillippe, 28, Mutter einer dreijährigen Tochter und gerade mit dem zweiten Kind schwanger.
Ihren größten Erfolg hatte Reese Witherspoon 2001 mit der Komödie "Natürlich blond" (die Fortsetzung "Natürlich blond 2" startet am 24.07.).
Darin spielt sie eine modebewusste Harvard-Studentin, der man aber auch gar nichts zutraut, weil sie blond und niedlich ist.

Wurden Sie im wirklichen Leben auch schon mal wie eine dumme Blondine behandelt?
Ja leider. Ein Regisseur sagte mal zu mir: "Äh, wer sind Sie noch mal? Ich kann all diese Blondinen einfach nicht auseinander halten." Nicht gerade freundlich. Da arbeitet man so hart daran, sich von anderen zu unterscheiden und dann passiert sowas.

Ihre Mühe hat sich doch gelohnt. Sie haben mehr erreicht als andere in hundert Jahren. Macht der Erfolg nicht manchmal Angst?
Angst nicht. Manchmal bin ich nur einfach total geschafft. Das ist der Preis des Erfolgs. Und sollte der mal ausbleiben, habe ich immer noch meine wunderbare Familie. Ja, ich bin... (sie macht eine Pause) ... wirklich rundum zufrieden mit meinem Leben.

Sie wirken sehr zielstrebig.
O ja, ich weiß. Meine Eltern nannten mich früher "Little Type A". Der Name beruht auf einer Herzinfarktstudie aus den 70-er Jahren, wonach Personen des Typus A wegen des hohen Stressfaktors in ihrem Leben besonders gefährdet waren. Ich war immer sehr ehrgeizig, wollte erstklassige Noten haben und alles sehr, sehr gut machen.
Tatsächlich fiel die kleine Reese aus Nashville, Tennessee, schon früh durch bemerkenswerten Tatendrang auf: mit sieben Jahren zum Schauspielunterricht, mit zwölf der erste Auftritt in einem Werbespot, mit 14 die erste Hauptrolle in dem Kinofilm "The Man in the Moon". Und später studierte sie nebenbei noch englische Literatur an der kalifornischen Elite-Uni Stanford.

Und was können selbst Sie nicht?
Mathematik. Differenzialrechnung - uuah! Grässlich! Ich würde kläglich scheitern, wenn ich meine Abrechnungen selbst machen müsste.

Welches Mädchen ist schon gut in Mathe! Sonst noch etwas?
Ich bin ein ziemlicher Tollpatsch. Ich stolpere gern über meine eigenen Füße oder verschütte dauernd etwas. Und wenn ich meine Tochter aus dem Kindergarten abhole, sehe ich von vorn wenig appetitlich aus, weil der Kaffee garantiert wieder auf meiner Bluse gelandet ist.
Reese selbst ging in den Montesori-Kindergarten in Wiesbaden, weil ihr Vater, ein Chirurg, vier Jahre bei der US-Armee in Hessen stationiert war.

Sollten Stars in der Öffentlichkeit ein perfektes Bild abgeben?
Die Leute sollen ruhig wissen, dass ich nicht immer perfekt gestylt bin. Dieser glamouröse Teil meiner Arbeit macht Spaß, aber unterm Strich sind auch Schauspieler nur Menschen. Wie alle muss ich den Müll runterbringen und die Windeln wechseln.

Darum durften auch alle wissen, dass Sie und Ihr Mann Ryan Phillippe eine Ehetherapie gemacht haben?
Man muss doch nicht so tun, als käme man mit allem allein klar. Wenn es Probleme gibt, sollte man sich helfen lassen. Nicht zwingend von einem Therapeuten. Das können auch Eltern oder Freunde sein. Wichtig ist nur, jemanden zum Reden zu haben.

Sind Sie immer noch in Therapie?
Im Moment nicht. Aber immer, wenn ich etwas in meinem Leben klären muss, suche ich Rat.

Offenbar war die Therapie erfolgreich. Sie sind wieder schwanger.
Ja, das Baby kommt im Herbst. Und ich bin so gespannt, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Noch weiß ich es nicht.

Genießen Sie es, schwanger zu sein?
Ich freue mich irrsinnig, schwanger zu sein. Nur Fotos von mir während meiner Schwangerschaft mag ich nicht so gern, weil ich dann denke: "Hilfe, so ein großer Bauch!" Das ist albern, ich weiß, trotzdem ist es mir ein wenig unangenehm, mich so zu sehen.

Reden wir noch mal über Ihren Mann. Sie sollen ihn sich regelrecht geangelt haben. Verraten Sie uns, wie!
Ich habe ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich ihn für einen großartigen Typen halte und sehr glücklich wäre, wenn er sein Leben mit mir teilen würde. Und damit er mich nicht vergisst, habe ich mich immer wieder in Erinnerung gebracht. Wir schrieben uns monatelang Briefe und stellten so fest, dass wir uns sehr viel zu sagen haben.
Reese lernte Ryan Phillippe auf der Party zu ihrem 21. Geburtstag kenne, wo sie ihn mit den Worten begrüßte: "Oh, du musst mein Geschenk sein!" Im Juni 1999 heirateten sie, im September 1999 wurde Tochter Ava geboren und im gleichen Jahr spielten beide zusammen im Kinohit "Eiskalte Engel".

Wie kommt Ryan damit klar, dass Ihre Gagen höher sind als seine?
Er findet das großartig und unterstützt mich sehr. Ganz oft sagt er mir, wie stolz er auf mich ist und es schon immer gewusst hätte, dass ich einmal berühmt und erfolgreich werde.

Wie sieht die Rollenverteilung im Hause Witherspoon/Phillippe aus?
Emanzipiert. Bei den meisten Sachen müssen wir beide ran. Zum Beispiel beim Kochen. Ich kann so ziemlich alles, er lernt noch. Oft kochen wir zusammen oder er überrascht mich abends mit einem Essen. Ganz lieb. Meistens macht er Steaks oder Hamburger - na, so männliche Gerichte halt.

Haben Sie überhaupt noch Zeit fürs Familienleben?
Ja, weil ich nicht mehr wie früher drei ider vier Filme pro Jahr drehe, sondern nur noch einen. In erster Linie bin ich Mutter und Ehefrau. Wenn ich da ständig um den Globus jette, ist das zwar lustig, aber nicht gerade förderlich für ein stabiles Familienleben.

In "Natürlich blond" spielen Sie eine Blondine, die völlig unterschätzt wird, weil sie so süß ist. Das muss Ihnen doch bekannt vorkommen?
Genau deswegen hat mich die Rolle ja so fasziniert. Der Film zeigt, dass man sehr wohl feminin sein kann, an Mode und Lifestyle interessiert, aber trotzdem klug, ambitioniert und erfolgreich. Ich halte das für ein sehr modernes Frauenbild.

Das heißt, man kann mit Ihnen auch über Mode reden?
Und wie man das kann! Ich wollte Ihnen schon die ganze Zeit sagen, wie sehr mir Ihr Rock gefällt.

O vielen Dank. Wer sind denn Ihre Lieblingsdesigner?
Armani, weil seine Mode so feminin und blumig ist. Versace, weil alles so schön bunt und farbenfroh ist und Moschino, weil es drollig ist. Prada ist immer gut für ein hübsches schwarzes Kleid und schöne Schuhe. Ja und Marc Jacobs gefällt mir, weil er so lustige Ideen hat und einfach tolle lässige Sachen macht.

Wofür haben Sie mal so richtig unverschämt viel Geld ausgegeben?
Mein ganzes Leben habe ich mir schöne Koffer gewünscht, also gönnte ich mir gleich vier Koffer Louis Vuitton. Das war wohl meine extravaganteste Ausgabe.

Haben Sie ein ganz besonderes Lieblingsstück?
Ein wunderschönes Paar Ohrringe von Tiffany, das mein Mann mir geschenkt hat und das ich ständig trage.

In "Natürlich blond 2" besitzt Elle Woods, die Sie spielen, 218 Paar Schuhe. Wie viele stehen bei Ihnen im Schrank?
Ich muss gestehen, bei mir sind es auch sicher über 150 Paar. Und dann durfte ich auch noch Schuhe, die ich im Film getragen habe, behalten. Stellen Sie sich mal vor, ungefähr 50 Paar. Und die meisten von Jimmy Choo! Ich werde sie alle aufbewahren und später meiner Tochter schenken.

Auch Sie müssen sich ja mal erholen. Was tun Sie, um zu entspannen?
Ich liebe Massagen. Außerdem entspannen mich Yoga und Lesen sehr. Im Moment mache ich Schwangerschafts-Yoga. Für Schwimmen, Joggen, Tennis oder mein Workout bin ich jetzt oft zu müde. Das Beste aber ist ein heißes Bad. Darum habe ich mir in unser Haus extra eine gigantisch große Wanne einbauen lassen.
(Reese Witherspoon wird ein wenig unruhig, rutscht auf ihrem Sessel hin und her.)
Entschuldigung, es ist wirklich nett, mit Ihnen zu plaudern, aber könnten wir jetzt trotzdem aufhören. Heute ist doch unser vierter Hochzeitstag und ich habe meinem Mann versprochen, mit ihm essen zu gehen. Und dafür wollte ich mich noch ein bisschen hübsch machen.