InStyle vom April 2005

Zeit der Wahrheit

REESE WITHERSPOON, die süße Juristin aus dem Kinohit "Natürlich Blond", über starke Frauen, turbulentes Familienleben und warum die Ehe mit Schauspielerkollege Ryan Phillippe auch Probleme macht.

Reese Witherspoon schleppt einen Stapel Bücher auf dem Arm, der immer höher wird. Die smarte Südstaatenschönheit schlendert durch die Gänge von Book Soup, ihrem Lieblingsbuchladen in Los Angeles.
Die zierliche, 1.57 Meter große Schauspielerin trägt ein pinkfarbenes T-Shirt von Juicy Courture, Leinenhosen von Joe's Jeans und eine XXL-Sonnenbrille mit Goldrahmen von Oliver Peoples, die sie statt eines Reifs in ihr zurzeit braun gefärbtes Haar gesteckt hat. Fast jedes Buch in den überfüllten Regalen des Ladens bietet Reese neue Offenbarungen: über Kindererziehung, Beziehungen, Mode, Feminismus, Reise, Kino - und nicht zuletzt über Welpen.
"Das ist genau das, was ich gesucht habe", sagt Reese und blickt mit ihren großen blauen Augen auf das Cover eines Taschenbuchs mit dem Titel "Doga - Yoga for Dogs". Sie knipst für eine Sekunde ein strahlendes Lächenln an, verfällt kurz in den Singsang ihres ursprünglichen Südstaatendialekts und man sieht die süße, aber taffe Juristin Elle Woods vor sich, die Reese in den beiden "Natürlich Blond"-Filmen spielt.
"Glauben Sie, ich soll das Buch für Coco und Frank kaufen?", fragt Reese. Mit Coco und Frank alias Chanel und Sinatra sind ihre beiden Hunde gemeint, eine französische und eine englische Bulldogge. Und die Antwort auf ihre Frage lautet natürlich: Ja! Was zur Folge hat, dass sie, da sie nicht nur den Hunden etwas mitbringen kann, auch noch eine Kleinigkeit für ihre Kinder Ava, 5, und Deacon, 1, braucht und für ihren Mann, den Schauspieler Ryan Phillippe ("Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast").

Bücherwurm Laura Jean Reese Witherspoon war eine Einserschülerin an der Eliteschule Harpeth Hall in Nashville, dem Countrymusik-Mekka im US-Bundesstaat Tennessee. Die Tochter eines Chirurgen und einer Krankenschwester war schon mit sieben Jahren in TV-Werbespots zu sehen und auf eine kurze Karriere als Model folgten erste Rollen in Fernsehfilmen. Die Engagements nahmen bald den Großteil ihrer Zeit in Anspruch und das letzte Highschooljahr absolvierte sie per Fernkurs von den verschiedenen Drehorten aus. Eigentlich sollte Reese nach dem Abschluss Medizin studieren und in die Fußstapfen ihres Vaters treten.
Stattdessen schrieb sie sich 1994 für englische Literaturwissenschaften an der renommierten Stanford-Universität in Kalifornien ein. Nach einem Jahr brach Reese das Studium allerdings ab, um sich fulltime der Schauspielerei zu widmen. Nebenher gründete die Überfliegerin eine eigene Produktionsfirma mit den angemessenen Namen Type A Films (A-Klasse-Filme) und ist ständig auf der Suche nach brauchbarem und - vor allem - intelligentem Material.

Dass sie fündig wurde, zeigt ihr jüngstes Projekt: Sie spielt die Hauptrolle in "Vanity Fair" (Start: 31. März), der Verfilmung des gleichnamigen Romans von William Makepeace Thackeray, der den gesellschaftskritischen Klassiker über Glück, Ehrgeiz, Eigensinn und Eitelkeiten 1847/48 in der indischen Stadt Kalkutta schrieb und veröffentlichte. Es ist eine opulente Kostüm-Tragikomödie über den sozialen Aufstieg der Gouvernante Becky Sharp im London des 19. Jahrhunderts. Gedreht wurde in England und Indien unter der Regie von Mira Nair, der mit den sinnlichen bollywoodesken Filmen "Mississippi Masala" (1991) und "Monsoon Wedding" (2001) schon zweimal der künstlerische Spagat zwischen Komödie und Tragödie gelang. Ihre Bewunderung für die indische Regisseurin äußert Reese ganz offen:
"In den frühen Neunzigern lieh ich mir in Tennessee den Film 'Mississippi Masala' aus und war beeindruckt von der sensiblen Mischung aus Komik und Ernst", sagt sie. "Viele von uns sind von Erziehung und kulturellem Hintergrund geprägt. Das ist bei Mira zwar nicht anders, sie schafft es aber, ihre Vergangenheit abzuschütteln, ohne dabei ihre Identität zu verleugnen."

Über Bücher, Kolleginnen und Filme kann Reese stundenlang begeistert reden. Ganz enthusiastisch erzählt sie von ihrer neuen Rolle der June Carter Cash, Ehefrau des legendären Countrysängers Johnny Cash, dessen Lebensgeschichte demnächst als Filmbiographie erscheint. Eher zugeknöpft gab sich die 29-jährige bisher allerdings bei allem, was ihr Privatleben anbetrifft - selbst während wir ganz entspannt durch den Laden stromern und die Regale nach weiteren interessanten Titeln scannen. Aber die anregende Atmosphäre in der Buchhandlung scheint sich dann doch positiv auf Reeses Gesprächigkeit auszuwirken. Als wir nämlich von der Abteilung Romane zu der Nische mit den Autobiografien gehen, werden Reeses Storys plötzlich viel privater. Behutsam tastet sie sich mit einem Statement über starke Frauen ins neue Themengebiet vor:
"Während wir 'Vanity Fair' drehten, war ich hochschwanger und täglich 18 Stunden auf den Beinen", erzählt sie. "Aber dann schaute ich Mira an und ein paar andere Produzentinnen, die alle Kinder haben, und wusste, das schaffe ich. Das einzig wirkliche Problem, das ich hatte, waren die engen Corsagen, in die ich mich für den Film zwängen musste."

Die nächste Geschichte, die uns Reese erzählt, hört sich an wie ein Ratgeber für Liebende. In ihrem Fall zum Thema: Ups und Downs in der Ehe mit Ryan Phillippe, den sie an ihrem 21. Geburtstag auf einer Party kennen lernte und 1999 heiratete. "Wir arbeiten immer noch hart daran, dass unsere Ehe funktioniert", sagt sie. Wie fast alle Ehen war auch Reeses und Ryans Beziehung nicht immer eine Vergnügungsfahrt. Sie sprachen einmal sogar offen darüber, einen Eheberater aufzusuchen.
"Ryan ist ein wunderbarer, grundehrlicher Mann und wir ergänzen uns prächtig. Aber er ist ein Mann-Mann und ich bin eine Frau-Frau. Während Ryan zum Beispiel ein Spiel der Philadelphia 76ers anschaut, gehe ich lieber bei Fred Segal shoppen. Wir waren ja noch solche Babys, als wir heirateten. Aber Ryan hat es geschafft, dass ich das Leben nicht so ernst nehme und mehr Spaß habe. Und er hilft mir, das Gute im Menschen und das Beste in mir zu sehen. Wir haben in unserer Beziehung also eine solide gemeinsame Basis gefunden."

Das folgende Kapitel widmet sie den Kindern: "Als Ava auf die Welt kam, packte ich, wann immer wir das Haus verließen, unendlich viele Sachen ein", erzählt Reese. "Mit dem zweiten Baby ist es einfacher geworden. Da bin ich schon froh, wenn ich die Milchflasche nicht vergesse. Aber Ryan geht mit den Kindern wunderbar um", gesteht sie. "Seine Mutter hatte nämlich eine Kindertagesstätte und deshalb kennt er sich bestens aus mit Töpchentraining, Schlafritualen und den Entwicklungsphasen."

Ihre Story aus der Vergangenheit in Tennessee ist ein weiteres Highlight in der Sammlung aus Reeses autobiografischem Fundus: "Meine Großmutter holte mich jeden Tag von der Schule ab. Jedes Mal trug sie Autofahrerhandschuhe und immer fuhr sie in einem weißen Cadillac vor. Wenn eine dieser Limousinen den Geist aufgab, stand schon die nächste da. Für mich ist dieses Verhalten typisch für das Leben in Tennessee - großspuriger, schrulliger Lifestyle, Liebenswürdigkeit und dazu ein herrlich maniererter Auftritt. Stellen Sie sich nur mal diese Handschuhe vor! Wow! Immer wenn ich jetzt das Gefühl habe, die guten alten Sitten würden aussterben, dann fahre ich nach Hause."

Ganz zum Schluss gibt Reese Witherspoon noch ein sehr persönliches Geheimnis preis: "Ich habe extremes Lampenfieber, wenn ich vor vielen Menschen auftrete. Im Johnny-Cash-Film musste ich zum Beispiel mit meinem Filmpartner Joaquin Phoenix auf der Bühne das berühmte Lied 'Walk The Line' singen. Ich schwitzte dabei an Körperstellen, von denen ich gar nicht wusste, dass man da schwitzen kann.", gesteht sie. "Aber wissen Sie, Nervosität hat auch etwas Gutes: Sie gibt einem Schwung."