MarieClaire Interview vom Januar 2003

Blond mit blauen Flecken

Bye-bye, Meg Ryan. Hier kommt Reese Witherspoon.
Ein 26-jähriges Sweetheart mit Zuckerschnute. So süß, dass es kaum Zufall sein kann, wenn ihr (Vor-)Name dem eines beliebten amerikanischen Schokoriegels gleicht.
Mit 14 verbockte sie ein Vorsprechen bei Martin Scorsese und Robert De Niro. Mit 15 trainierte sie sich ihren Südstaaten-Dialekt ab.
Mit 18 zog sie nach L.A., um als Schauspielerin Karriere zu machen. Heute ist sie verheiratet mit ihrem Kollegen Ryan Phillippe, Mutter einer dreijährigen Tochter und produziert ihren ersten Film.

MARIE CLAIRE: In "Sweet Home Alabama" spielen Sie ein Mädchen vom Lande, das in New York groß rauskommt. Klingt nach einer Verfilmung Ihrer eigenen Biografie...
REESE WITHERSPOON: Die Lebensläufe ähneln sich tatsächlich. Ich bin in einer Kleinstadt in Tennessee aufgewachsen. Und auch ich bin aus der Provinz in eine Metropole gezogen - in meinem Fall nach L.A. Weitere Parallele: Ich habe meinen Weg in einem ziemlich verrückten Business gemacht. Ich musste mich mit vielen Vorurteilen herumschlagen. Man hielt mich für eine ignorante Südstaaten-Blondine ohne Bildung, die vermutlich mit ihrem Cousin verheiratet ist.

MC: Der Süden hat in den USA einen ähnlichen Ruf wie Ostfriesland bei uns. Wollen Sie dieses Bild korrigieren?
RW: Ich habe mich schon oft über Filme geärgert, in denen Leute aus dem Süden als grobe, alberne Dummköpfe charakterisiert werden. Natürlich ist es ein bisschen seltsam, dort aufzuwachsen. Es gibt viele Exzentriker, aber es herrscht auch ein wunderbarer Gemeinschafts- und Familiensinn. Das wird immer unterschlagen.

MC: Haben Sie sich schon mal wegen Ihrer Herkunft geschämt?
RW: Das macht wohl jeder Mensch durch: Zurückweisungen, Selbstzweifel, die Suche nach der eigenen Identität. Aber irgendwann muss man sich so akzeptieren, wie man wirklich ist.

MC: Was ist denn aus Ihrem schönen breiten Tennessee-Dialekt geworden?
RW:
Als ich meinen ersten Film drehte, war ich 14. Mein Agent, mit dem ich bis heute zusammenarbeite, sagte mir damals: Am besten gewöhnst du dir sofort den Dialekt ab. Sonst wirst du in dieser Branche keinen zweiten Job mehr landen. Also habe ich ihn ruck, zuck abgelegt. Na gut, ich musste mich schon ein wenig am Riemen reißen, um normales Englisch zu lernen.

MC: Stimmt es, dass Sie zu Beginn Ihrer Karriere ein Vorsprechen für Martin Scorseses "Kap der Angst" komplett verbockt haben, weil Sie Robert De Niro nicht kannten?
RW:
Leider ja. Ich war damals 14, kam vom Land und hatte keine Ahnung, wer dieser Mister De Niro ist. Meine Eltern auch nicht. Also stieg ich ins Flugzeug nach New York, um Martin Scorsese zu treffen. Der Name sagte mir übrigens genauso wenig. Neben mir saß ein Herr, der mich freundlich fragte: "Na, junge Dame, wohin sind Sie denn unterwegs?" Ich erzählte ihm von dem Termin bei Scorsese und De Niro. Mein Nebenmann fiel fast von Sitz. In der verbleibenden Flugzeit schwärmte er mir vor, was für Kinolegenden die beiden seien. Das gab mir den Rest. Ich fing an zu zittern und hörte damit nicht mehr auf, bis ich beim Vorsprechen war. Robert De Niro musste all meine Sätze zu Ende sprechen, so nervös war ich. Ich habe mich bis heute nicht ganz von diesem Schock erholt.

MC: Und haben Sie sich inzwischen an das glamouröse Leben in Hollywood gewöhnt?
RW:
Ich bin verheiratet und Mutter einen kleinen Tochter. Da verbringe ich meine Abende lieber zu Hause statt auf irgendwelchen Promi-Partys oder Empfängen. Wenn ich mein Kind ins Bett bringen und noch schnell die Post durchsehen kann, bevor ich vor Müdigkeit aus den Latschen kippe, bin ich schon gut dran. Es ist ganz schön anstrengend, eine Dreijährige zu erziehen! Aber um ehrlich zu sein: Ich war nie ein Partygirl.

MC: Andy Tennant, der Regisseur Ihres aktuellen Films "Sweet Home Alabama", hat Sie als Mischung aus Jodie Foster und Meg Ryan bezeichnet. Welche von beiden ist Ihnen näher?
RW:
Ich verehre diese Kolleginnen sehr. Aber jeder Mensch hat eigene Qualitäten zu bieten. Anstatt den Vorstellungen anderer Leute entsprechen zu wollen, sollte man sich selbst und seine persönlichen Stärken kennen.

MC: Zurzeit drehen Sie die Fortsetzung Ihres ersten Films "Natürlich blond", den Sie auch noch selbst produzieren. Ist das nicht alles ein bisschen viel mit 26?
RW:
Nein, es ist toll. Schon beim ersten Teil war ich stark an der Entwicklung der Ideen beteiligt. Es ist spannend, einen Film vom ersten Tag an zu begleiten.

MC: Werden Sie demächst auch Regie führen?
RW:
Oje, da muss ich erst noch eine Menge lernen. Im Moment bin ich sehr glücklich mit dem, was ich tue. Mein Karriere ist ja ziemlich rasant verlaufen. Wenn alles so gut weitergeht, werde ich wohl bei der Schauspielerei bleiben.

MC: Zweifeln Sie daran?
RW:
Ich frage mich am Abend vor Premieren immer: Wird irgendjemand diesen Film sehen wollen - außer meiner Mutter?

MC: Sonst würden Sie nicht 15 Millionen Dollar Gage kassieren. Und sonst würden sich nicht Magazine in aller Welt für Ihr Privatleben interessieren. Wie gehen Sie mit dem Medienrummel um?
RW:
Ich lese keine Klatschblätter. Das hilft schon mal. Schließlich weiß ich selbst am besten, was stimmt und was nicht. In jedem Beruf muss man damit rechnen, Opfer von Unterstellungen zu werden. Das gehört wohl zur menschlichen Natur. Man kann sich darüber aufregen und sein Leben davon beeinflussen lassen. Oder man ignoriert es.

MC: Trotzdem wüssten wir gern, ob Ihr Mann Ihnen einen ebenso romantischen Heiratsantrag gemacht hat wie Ihr Filmpartner in "Sweet Home Alabama".
RW:
Ryan hat nicht bei "Tiffany" um meine Hand angehalten, wenn Sie das meinen. Aber es war sehr schön und sehr intim.

MC: Dann gibt es noch das Gerücht, dass Sie und Ihr Mann für Ihre Unfälle im Haushalt berühmt sind...
RW:
Nun ja, ich bin am Geburtstag meiner Tochter die Treppe hinuntergefallen, weil ich Flipflops anhatte und auf einer nassen Stelle ausgerutscht bin. Ich bin ziemlich ungeschickt und habe daher ständig blaue Flecken. Wenn ich meine Tochter aus dem Kindergarten abhole, dann garantiert mit einem Kaffeefleck auf der Bluse oder auf der Hose. Und das kommt buchstäblich jeden Tag vor.

MC: Ist Ihnen das auch schon bei den Dreharbeiten passiert?
RW:
Oh ja, unzählige Male. Am Set gibt es besondere Markierungen am Boden, damit sich die Schauspieler im richtigen Winkel zur Kamera positionieren. Und ich schaffe es immer, über die Markierungen hinauszulatschen. Für mich werden inzwischen kleine Sandsäcke aufgestellt, damit ich nicht weitergehen kann.

MC: Eigentlich wollten Sie Ärztin werden. Bereuen Sie Ihre Entscheidung, in der Filmbranche zu arbeiten?
RW:
Meine Eltern sind Mediziner, deshalb lag dieser Berufswunsch nahe. Aber ich liebe auch die Schauspielerei. Und ich sage mir, dass ich immer noch studieren kann, wenn ich die Lust dazu verspüren sollte. Ich habe ja noch Zeit.