TV14 Artikel vom März 2006

Ich lebe meine Träume

Fragt man Literaturprofessor George Brown (Universität Stanford) nach der größten Enttäuschung seiner Karriere, zögert er keine Sekunde: "Reese Witherspoon - die beste Studentin, die ich je hatte. Sie könnte schon seit Jahren Bestseller schreiben! Doch was macht sie? Sie geht nach Hollywood!"

Dass seine Top-Studentin statt Bücher jetzt Hollywoodgeschichte schreibt, hat Professor Brown wohl nicht mitbekommen: Dank Kassenhits ("Natürlich blond") und Oscar-Juwelen ("Walk the Line") ist Reese Witherspoon (29) jetzt Hollywoods Top-Verdienerin, sie kassiert 30 Millionen Dollar für ihren nächsten Film. Reese ist der einzige Star unter 30, dessen Name allein ein Big-Budget-Film trägt und Massen ins Kino lockt. Und ganz sicher ist sie die "cleverste und smarteste Blondine Hollywoods" ("New York Times"): Als jüngste Produzentin (eigene Firma "Type A") sicherte sie sich jetzt einen Rekord-Vertrag mit dem Filmstudio "Columbia". Ein zweites Standbein, das ihr in den nächsten fünf Jahren rund 100 Millionen Dollar extra einbringen wird. Eine Erfolgsgeschichte ohne Brüche? Irrtum! Nach üblichen Hollywood-Regeln dürfte es Reese gerade mal bis ins Vorzimmer eines Studiobosses schaffen: Ihre Vorliebe für Blümchenkleider und Haarreifen "qualifiziert mich eher für den Job einer Sekretärin als für den eines Superstars". Und ihre Selbsteinschätzung ist ein ein K.-o.Argument:

"Ich bin verheiratet, zweifache Mutter, treu, fleißig. Ich hasse Partys und Diäten. Und ich würde mich niemals für eine Bikini-Szene hergeben." Diese Prinzipien bekam jetzt auch das Hochglanz-Magazin "Vanity Fair" zu spüren: Um auf den Titel der diesjährigen "Oscar"-Ausgabe zu gelangen, hätten die größten Superstars beinahe alles getan - Reese dagegen lehnte das Angebot ab: "Ich nackt auf der Hollywood-Bibel? Träumt weiter!" Nein, Reese Witherspoon ist nicht bereit, blind fremde Träume zu bedienen. Und genau das macht sie so authentisch - und erfolgreich: "Ich bin hier in Hollywood, um meine eigenen Träume zu leben!" Kein Wunder also, dass sie sämtlichen gut gemeinten Ratschlägen trotzt: Mit der Begründung "Dein Kinn ist zu spitz, dein Mund zu schmal, dein Hintern zu dick!" meldeten Agenten und Produzenten sie x-mal bei plastischen Chirurgen an. Die Reaktion der sonst so pflichtbewussten Reese? Sie fuhr einfach nach Hause. Und ließ sich von ihrem Mann und ihren Kindern versichern, "dass ich nicht perfekt sein muss, um liebenswert zu sein ..."

Und niemand hat es weniger nötig: "Den Job der blonden, ferngesteuerten Barbie erledigen in Hollywood bekanntlich andere!", sagt Reese augenzwinkernd. Sie taugt eben zu mehr als zu einem zweifelhaften Schönheitsideal: So stieg seit ihrer Komödie "Natürlich blond" die Zahl der blonden Jura-Bewerberinnen an Amerikas Elite-Universitäten um 30 Prozent, und US-Soziologen jubeln: "Reese ist das Vorbild einer neuen, mutigen Frauen-Generation!" Damit bewegt sie weit mehr als Paris Hilton mit ihrem Party-, Protz- und Liebesleben.

Die Leitfigur für Millionen ist einigen Hollywood-Größen ein Dorn im Auge: "Für Reese ist Hollywood ein todernstes Geschäft", lästert beispielsweise "Natürlich blond"-Regisseur Robert Lucetic. Reese, die Spaßbremse? Zugegeben: Von Innenleben ihrer 8-Millionen-Dollar-Villa weiß man nur, dass die Wasserrohre ständig kaputt sind, wie ein Klempner gerade verriet. Von wilden Glamour-Partys keine Spur. Und am Set von "Walk the Line" machte sie nicht den Pausenclown, sondern ihrem Ruf als Perfektionistin alle Ehre: Innerhalb von drei Stunden organisierte sie einen Gesangstrainer, Musikinstrumente und ein Tonstudio. Erfolg: Nach fünf Monaten hatte Reese, wie sie selbst sagt, ihre Stimme nicht nur von "Pieps- auf Profi-Niveau" trainiert - sondern auch gleich fünf Plattenverträge auf dem Tisch. Der Auftakt zu einer neuen Karriere? Zuzutrauen ist ihr alles ...