Vogue Interview vom Januar 2003

Vogue trifft...

Vogue: In der romantischen Komödie "Sweet Home Alabama" spielen Sie das Landei Melanie aus Alabama, das in der Modeszene New Yorks Erfolge feiert.
Reese Witherspoon:
Von meinen bisherigen Rollen ist Melanie mir selbst am ähnlichsten. Vielleicht fühle ich mich deshalb vor der Kamera auch verletzlicher als sonst.
Melanie hat ein paar heftige Macken, betrinkt sich manchmal und beleidigt dann ihre alten Freunde, weil sie sich für etwas besseres hält.
Ich richtigen Leben finde ich mich längst nicht so dynamisch und charismatisch wie Melanie.

Sie stammen ja selber aus dem Süden der USA: Quirligkeit und Ehrgeiz sind nicht gerade die Eigenschaften, die man den Südstaatlern nachsagt.
Deshalb musste ich mir in Hollywood erst mühsam meinen Akzent abgewöhnen. Ich wuchs in einer Kleinstadt in Tennessee auf - so gesehen kann ich mich mit Melanie ganz gut identifizieren.
Wie ihr war mir die Frage nach meiner Herkunft jahrelang peinlich.

Wenn die Leute erfuhren, woher ich stamme, reagierten sie immer mit dem Klischee von den dummen, ignoranten Südstaatlern:
"Das ist doch die Gegend, wo die Männer keine Schuhe tragen und mit ihren Cousinen verheiratet sind?"
Aber irgendwann akzeptierte ich die alte Heimat als Teil meiner Persönlichkeit, ich hatte dort schließlich eine glückliche Kindheit verbracht.

Sie sind Schauspielerin, Produzentin, Ehefrau und Mutter. Schildern Sie uns, wie Sie das unter einen Hut bringen.
Ganz einfach: Wenn ich arbeite, nimmt mein Mann (der Schauspieler Ryan Phillippe; die Red.) keine Rollen an und umgekehrt. Bis jetzt hat das hervorragend funktioniert. Ryan unterstützt mich sehr. Er gibt mir die Stabilität, die ich brauche.
Ich drehe jedoch nur ein paar Filme im Jahr.

Was hat sich seit der Geburt Ihrer Tochter Ava vor drei Jahren in Ihrem Leben verändert?
Ava hat mir die Ichbezogenheit genommen. Als Mutter richtet man sich völlig auf sein Kind aus. Allerdings beginnt jetzt schon der Abnabelungsprozess. Meine Tochter ist gerade in den Kindergarten gekommen. Am ersten Tag flossen die Tränen in Strömen - meine. Ava sagte locker: "Küsschen, Mama, bis später."
Ich bin daraufhin heulend durch ein Spielzeuggeschäft gelaufen und habe mich dann an den zweijährigen Sohn einer Freundin geklammert.

Wie relaxen Sie zwischen Ihren Projekten?
Am Herd. Ich liebe es, neue Rezepte auszuprobieren, und habe eine imposante Kochbuchsammlung. Mein Leibgericht ist aber etwas typisch Bodenständiges aus den Südstaaten:
gegrilltes Hühnchen mit Kartoffelbrei und viel Soße.

Wie steht es mit klassisch weiblichen Entspannungstechniken: ausgedehnten Shoppingtouren, Friseurterminen oder heißen Partys?
Nichts von alledem, denn in Sachen Make-up und Frisuren bin ich erschreckend ahnungslos, und zum ausgiebigen Shoppen fehlt mir die Geduld. Partys mochte ich noch nie. Außerdem bin ich froh, wenn ich meine Tochter abends zu Bett gebracht habe und es noch schaffe, meine Post zu bearbeiten, bevor ich dann selbst ins Bett falle.

Stimmt es, dass Sie am Anfang Ihrer Karriere vor Aufregung ein Casting bei Martin Scorsese verpatzt haben?
Allerdings. Ich war neunzehn und hatte keine Ahnung, bei wem ich mich da vorstellen sollte oder wer mein Partner, ein Herr namens De Niro, war. Unterwegs klärte mich mein Sitznachbar im Flugzeug über die beiden auf. Ich habe dann das gesamte Vorsprechen hindurch gezittert und gestottert.
Robert De Niro musste jeden Satz für mich beenden.

Andy Tennant, Ihr Regisseur bei "Sweet Home Alabama", ordnet Ihren Typ zwischen Meg Ryan und Jodie Foster ein...
Also erst mal ist natürlich jeder Mensch besonders und einzigartig.
Ich bin eben kein 1,80 Meter großes Supermodel, sondern mehr Holly Hunter als Michelle Pfeiffer.
Schauspielerinnen wie Jodie Foster und Frances McDormand sind meine Vorbilder. Sie drehen Hollywoods Jugendwahn zum Trotz wunderbare Filme, jegliche Eitelkeit geht ihnen ab.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Diese Frauen sind schön, doch davon hängt ihr Selbstwertgefühl nicht ab.
Das ist der Eindruck, den ihre Arbeiten vermitteln, und so versuche ich auch zu sein.

Und wen bewundern Sie sonst noch?
Die Countrysängerin Dolly Parton. Seit meiner Kindheit bete ich sie an. Wenn ich ihr jemals begegne, falle ich bestimmt in Ohnmacht.