Woman 17/03
Reese im Glück
Als Reese Witherspoon, 17, zusammen mit Ryan Phillippe, 28, bei der letzten Oscar-Verleihung die Bühne betrat, wurde allen Anwesenden sofort klar, wer in dieser Ehe wen ernährt.
"Mach schon, lies du vor", sagte Ryan, während seine Frau noch den Umschlag mit dem Siegernamen öffnete, "du verdienst mehr als ich."
Vor sechs Jahren lernten sich Reese und Ryan kennen, und sie verdienten beide ungefähr gleich viel. Das war auch noch so, als sie zwei Jahre später heirateten - da war Reese mit Töchterchen Ava, die nun fast vier ist, im sechsten Monat schwanger.
Aber jetzt ist alles anders:
15 Millionen Dollar hat Reese Witherspoon für die Komödie "Natürlich blond 2" kassiert, die soeben im Kino angelaufen ist.
Als Barbiepuppe mit hohem IQ mischt sie darin die Politikerszene in Washington auf.
"Klar stehe ich jetzt unter Druck", sagt Reese, die auch die Rolle der Produzentin übernommen hatte,
"aber ich kann nur versuchen mein Bestes zu geben. Über Hit oder Flop entscheidet das Publikum."
Witherspoon? Reese Witherspoon?
Diesen Zungenbrecher kannten bis vor kurzem nur sehr fleißige Kinogänger. Kritikerlob bekam sie für ihren Auftritt im Thriller "American Psycho", ind der Zeitreisekomödie "Pleasantville" und im Drama "Eiskalte Engel".
Die Rolle, die aus der gut beschäftigten Schauspielerin einen Superstar gemacht hätte, war nicht dabei.
Dann kam das Jahr 2001 und damit ihr Auftritt als Fashion-Victim Elle Woods in "Natürlich blond" (Gage: 1 Mio.).
Noch erfolgreicher war sie kurz darauf mit der Südstaaten-Romanze "Sweet Home Alabama".
Reese ist Everybody's Darling.
Die Presse feiert sie als "Nachfolgerin von Julia Roberts" - zumindest in Sachen Gage. Für ihren nächsten Film, vermuten Insider, kann Reese Witherspoon locker 20 Millionen Dollar verlangen. Das ist sie den Studiobossen wert als perfekte Mischung aus hübsch, sexy und kumpelhaft. Männer finden sie süß, Frauen können's verstehen, sogar tolerieren.
Das US-Magazin "People" wählte die blonde Beauty kürzlich unter die 50 schönsten Menschen der Welt. Dazu fällt Reese nur ein, dass ihr Mann Ryan den kleineren Hintern hat - "dabei bin ich das Mädchen".
Auch auf ihr jugendliches Aussehen bildet sie sich nichts ein. Es ärgert sie sogar, dass sie oft jünger geschätzt wird.
"Neulich wäre ich bei einem Pearl-Jam-Konzert fast nicht reingekommen, weil ich meinen Ausweis vergessen hatte."
In Schlabberpulli und Jeans, ihrem favorisierten Outfit, wirkt Reese Witherspoon tatsächlich wie 15.
"Mein Glück? Das versuche ich außerhalb des Berufs zu finden", sagt die Schauspielerin, die seit langem weiß, dass Erfolg und Misserfolg in der Filmbranche sehr eng beieinander liegen.
Schließlich drehe Reese ihren ersten Werbespot mit sieben Jahren - für den Blumenhändler in ihrer Straße. Und bevor sie die High School verließ, hatte sie schon in sieben Filmen vor der Kamera gestanden.
Als Tochter eines Chirurgen und einer Ärztin wurde Laura Jean Reese Witherspoon in Nashville, Tennessee, geboren. Eine Südstaaten-Familie, in der gutes Benehmen, Fleiß und Anstand etwas gelten - immerhin unterschrieb einer ihrer Vorfahren die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.
Eine Spur Exzentrik fehlt dennoch nicht: Vater Witherspoon fährt Harley-Davidsons und sammelt Cadillacs.
Reese besuchte eine exklusive Mädchenschule und trug beim Debütantinnenball weiße Handschuhe.
"Das Kleid dazu war aber aus dem Katalog", gibt der Star uneitel zu. Typisch amerikanisch turnte sie im Sportverein, war Pfadfinderin und Cheerleader - aber auch ein Bücherwurm und ebenso lernbegierig wie die Eltern:
"Beide haben sechs oder sieben Diplome."
Nach zwei Semestern Englisch an der kalifornischen Elite-Universität Stanford wechselte Reese das Fach: Sie ging nach Hollywood. Der Drang, Schauspielerin zu werden, war zu groß.
Ihren Perfektionismus hat sie mitgenommen - sie ist gerne überpünktlich -, und ihren Charakter hat sie auch nicht verändert.
Kollegen schwärmen von ihrer Freundlichkeit, ihrem Witz, bewundern ihre Intelligenz, die - so will es das Vorurteil -
im Widerspruch zu ihrer Haarfarbe steht.
Reese Witherspoon hat mehr Eigenwillen und Widerspruchsgeist als die meisten Blondinen, die Hollywood bevölkern. Sie wirkt unkompliziert und selbstbewusst, wie die nette Streberin, die Mitschüler bei der Mathearbeit abschreiben lässt.
"Früher war ich ehrgeiziger", korrigiert sie Zeitungsmeldungen, die behaupten, sie würde für ihre Karriere alles tun, im Gegenteil: "Man muss herausfinden, was einen im Leben am meisten interessiert. Ob es bei mir die Schauspielerei ist, weiß ich noch nicht. Eine Zeit lang wollte ich Medizin studieren, und den Gedanken an ein Psychologiestudium habe ich immer noch nicht aufgegeben."
Dass sie bald pausieren wird, hat aber einen anderen Grund: Reese erwartet im Dezember ihr zweites Kind - ob's ein Junge oder Mädchen wird, will sie vorab nicht wissen. Bis es soweit ist, hat sie das Kostümdrama "Vanity Fair" in London abgedreht.
Reese: "An manchen Tagen habe ich jetzt schon das Gefühl, einen Volleyball zu verstecken."
Ihre Schwangerschaft baute Regisseurin Mira Nair ("Monsoon Wedding") in die Geschichte ein, als sich der Bauch nicht mehr unter den Empire-Kostümen verbergen ließ.
Den Vater Ryan Phillippe nennt sie "einen modernen Mann, der mich unterstützt und dem es nichts ausmacht, wenn ich länger arbeite".
Nette Vorstellung, dass sie spät von einem Dreh nach Hause kommt - die Blusen sind gebügelt, das Essen steht auf dem Tisch, Tochter Ava liegt im Bett.
Die beiden drehen nie zur gleichen Zeit, damit das Kind nicht von beiden getrennt ist. Reese kann sich nach der Arbeit also reinen Gewissens mit einem guten Buch aufs Sofa lümmeln - oft liest sie mehrere parallel.
Ihr Traum ist es, ein Bauernhaus auf dem Lande zu haben, weil sie "an einem Ort leben möchte, wo Kinder noch nicht mit Handys herumlaufen".
Hat Reese Angst, nach den Barbie-Rollen in der Barbie-Schublade zu landen? So wie Meg Ryan, die recht erfolglos gegen ihr Sunny-Girl-Image rebelliert.
Reese: "Ich bin nicht das Mädchen, das jeder mag, und ich wüsste auch nicht, wie ich es sein sollte."
Ihre Lieblingsrolle?
"Die böseste Person auf Erden. Ich wäre überzeugend."
