Woman-Interview vom Februar 2006
Was zieh ich nur beim Oscar an?
Natürlich blond eroberte sie Hollywood, natürlich blond sitzt sie jetzt, fast fünf Jahre nach ihrem ersten Kinohit, in der Suite des Berliner Hotels The Regent - und freut sich über ihre erste Oscar-Nominierung. Gerade hat Reese Witherspoon davon erfahren und ist in bester Plauderlaune. "Hey, ich bin ein Mädchen", lacht sie. "Alles, was wir tun, ist reden!" Wenn sei rumalbert, wirkt sie so mädchenhaft wie in "Sweet Home Alabama". Viele Kritiker waren skeptisch, ob sie die sehr erwachsene Rolle der June Carter in "Walk The Line" überhaupt spielen könnte. Sie hatten wohl übersehen, dass Reese demnächst 30 wird, seit sieben Jahren mit Ryan Phillippe verheiratet und die Mutter von Ava, 6, und Deacon, 2, ist - und genau weiß, was sie kann und was sie will.
Woman: Gratulation zur Oscar-Nominierung. Ein Kleid von Chanel werden Sie wohl diesmal nicht tragen, oder?
REESE WITHERSPOON: (lacht) Hey, ich mochte das Kleid, das ich bei den Golden Globes getragen habe. Ich hab mich nur hinterher etwas schlecht gefühlt, als rauskam, dass Kirsten Dunst es vorher schonmal getragen hatte. Vielleicht sollte ich mir jetzt den Oscar-Dress von Renée Zellweger ausleihen? Den fand ich sehr süß.
Sie sind für die Rolle der June Carter nominiert - hat es Ihnen beim Drehen geholfen, dass Sie selbst auch aus den Südstaaten kommen?
Wahrscheinlich. Die USA sind so riesig. Und der Süden ist ziemlich speziell. Kulturell konnte ich mich sehr gut mit June identifizieren. Es gibt da hauptsächlich Farmland, und die Musik dort entstand, weil die Menschen wenig hatten und das Leben sehr bescheiden war. Egal was du irgendwann erreichst, die Herkunft ist der Grundstein deiner Identität. Dazu kommt, dass June auch zwei Kinder hatte und trotzdem gearbeitet hat.
June Carter war ständig mit Männern auf Tournee, hat aber nie ihre hohen moralischen Werte verraten. Ist das typisch für den Süden?
Ja. Der Süden ist sehr religiös, Scheidungen waren damals inakzeptabel, und außerdem hatte June schicht keine Zeit für Lügen oder Männer, die sie schlecht behandelt haben.
Sind Sie auch so streng aufgewachsen?
Etwas moderner schon, weil sich die Zeiten geändert haben, aber meine Familie hat ein sehr strenges Wertesystem. Ich durfte zum Beispiel niemals fluchen oder den Namen des Herrn missbrauchen. Klar konnte ich "Gott sei Dank" sagen, aber nur in ehrfürchtiger Weise.
Gilt das heute auch für ihre Kinder?
Natürlich. Man muss Ehrfurcht für etwas im Leben haben. Für mich ist meine Spiritualität sehr wichtig. Außerdem braucht jeder Grenzen. Wer bist du denn ansonsten? Viele Menschen werden berühmt und meinen dann, sie müssten sich an keine Regeln mehr halten. Sie machen, was sie wollen, verletzen andere Menschen, aber am Ende stehen sie ganz alleine da, und ich frage noch mal: Wer bist du, wenn du kein Wertesystem hast?
Welche Werte geben Sie Ihren Kindern noch mit auf den Weg?
Ich halte Mitgefühl für sehr wichtig. Füreinander und für andere da zu sein und sich gegenseitig zu respektieren. Sicher hat jeder schon mal erlebt, nicht geachtet zu werden oder dass Menschen ignorant gegenüber Menschen sind, die helfen. Das ist übrigens etwas, das ich meinen Kindern jeden Tag erkläre: Nur weil Mom und Dad wegen ihrer Jobs manchmal bevorzugt behandelt werden, heißt das nicht, dass wir bessere Menschen sind. Ava ist sechs und bereits alt genug, das zu verstehen.
Wie geht Ava damit um, dass Mom ein Star ist?
Manchmal ist sie stolz auf mich. Vor allem, wenn ich einen Preis gewinne. Neulich sagte sie: "Den hast du bekommen, weil du die beste Mommy der Welt bist!" Ich bin vor Rührung fast gestorben. Leider machen ihr die Paparazzi große Angst.
Ihr Mann und Sie hatten eine Ehekrise und haben hart für Ihre Ehe gekämpft. Ihre drei Tipps für eine funktioniernde Beziehung?
Freundschaft ist sehr wichtig. Die Art, wie man miteinander redet, und dass man Respekt für den anderen hat.

